Nicht nur in der Schäferlaufstadt Wildberg dreht sich 2026 dank des Schäferlaufs alles um die Schafhaltung und wie die Weidelandschaften die Region geprägt haben. Die Vereinten Nationen haben dieses Jahr zum internationalen Jahr der Weidelandschaften und des Hirtentums erklärt. So wollen sie auf wichtige Themen aufmerksam machen, die alle auf dieser Welt betreffen.
Im März 2022 erklärte die Generalversammlung der Vereinten Nationen das Jahr 2026 zum internationalen Jahr der Weidelandschaften und des Hirtentums (International Year of Rangelands and Pastoralists – kurz IYRP). Die Bewegung wuchs seit 2008 zu einem weltweiten Zusammenschluss von über 300 Hirten- und Unterstützerorganisationen heran. Aufbauend auf diesen Aktivitäten schlug die Regierung der Mongolei der Generalversammlung eine Resolution vor, die von über 100 Ländern unterstützt wurde. Und diese wurde einstimmig angenommen.
Wozu dient das IYRP?
Die Ideengeber verfolgen mit dem Aktionsjahr gleich mehrere Ziele. Sie wollen den wichtigen Beitrag von Weidelandschaften und Hirten für Ernährungssicherheit, Wirtschaft, Ökosystemleistungen, Klimaresilienz und Kultur sichtbar machen. Es soll eine wissenschaftlich fundierten Politik für heutige und künftige Generationen gefördert werden. Auch die Mobilisierung der Menschen, damit sie die neuen Chancen im Bereich der Weidelandschaften und des Pastoralismus nutzen, gehört zu den Zielen. Zudem erhoffen sich die Verantwortlichen eine Steigerung nachhaltiger und ethisch vertretbarer Investitionen in Weidelandschaften und die Lebensgrundlagen von Hirten.
Wem ist das Jahr 2026 gewidmet?
Weidelandschaften sind Gebiete, in denen die natürliche Vegetation hauptsächlich aus Gräsern, Kräutern oder Sträuchern besteht und die von Vieh und Wildtieren beweidet werden. Wildberg ist von zahlreichen solcher Flächen umgeben. Der Begriff Hirten beschreibt Menschen, die als Haupterwerbsquelle Weidetiere auf natürlich wachsenden Pflanzen in extensiven Landnutzungssystemen halten, die in der Regel ein gewisses Maß an Mobilität der Tiere beinhalten. Diese Definition trifft auf Stadtschäfer Karl-Martin Bauer sowie die Schäfereien Kleinbeck und Schill in Gültingen zu. Seine Familie hält seit vielen Generationen Schafe und beweidet mit ihnen die Wiesen rund um die Schäferlaufstadt. Die Tiere werden von Weide zu Weide getrieben und fressen sich durch das gesamte Stadtgebiet satt und glücklich. Was die Tiere vermutlich gar nicht wissen: Sie haben damit die Landschaft nachhaltig geprägt und pflegen sie bis heute.
Bedeutung von Weidelandschaften und pastoraler Tierhaltung
Die Initiative des IYRP hat kurz und prägnant zusammengefasst, welchen großen Beitrag Menschen wie Karl-Martin Bauer damit für das Leben und die Natur leisten. Nicht nur in Wildberg und der Region, sondern weltweit sind Weideland und Hirten nicht wegzudenken. Weideland bedeckt mehr als die Hälfte der Landfläche der Erde – und ist dennoch das am meisten gefährdete und am wenigsten geschützte Ökosystem. Es ist die Lebensgrundlage von 500 Millionen Menschen und weiteren 2 Milliarden Menschen entlang der Wertschöpfungsketten. Hirten nutzen ihr Vieh, um Vegetation, die vom Menschen nicht verzehrt werden kann, zu verwerten und damit gleichzeitig die Landschaft zu pflegen und einen Lebensraum für zahlreiche bedrohte Arten zu erhalten. Sie spielen damit eine wichtige Rolle bei der Erhaltung der biologischen Vielfalt und der Bereitstellung von Ökosystemleistungen. Beispielsweise kann Weideland erhebliche Mengen an Kohlenstoff binden.
Was sagt Wildbergs Stadtschäfer zu dem Aktionsjahr?
Herr Bauer, glauben Sie, dass ein solches Aktionsjahr notwendig ist?
Ja, in meinem Beruf – und mit einem immateriellen Kultuererbe wie dem Schäferlauf – ist es schön zu sehen, dass einer breiten Öffentlichkeit gezeigt wird, wie wichtig Weidelandschaften und Hirten auf der Welt sind. Wenn wir unsere Kutlurlandschaft so erhalten wollen, werden wir die Hirten immer brauchen. Und es ist wichtig, der Bevölkerung zu zeigen, wie das alles entstanden ist.
In Wildberg ist Ihre Familie weithin bekannt. Da wird Ihnen hoffentlich auch Wertschätzung entgegengebracht?
Wenn wir mit den Schafen unterwegs sind, ist immer Begeisterung da. Die Leute freuen sich über uns, das ist für uns ein gutes Zeichen. Auch zur Stadt haben wir ein gutes Verhältnis. Man merkt es beispielsweise auch beim Weihnachtsmarkt, wo wir unsere Felle verkaufen.
Was sind die größten Herausforderungen für regionale Schäfer?
In Wildberg ist das Gelände recht unwegsam. Die Vermarktung von Lammfleisch ist immer ein Thema, ebenso der Wolf, auch wenn sich jener im Schwarzwald immer relativ ruhig verhält. Auch Flächenverlust durch Bebauung spielt eine Rolle.
Was wissen die meisten Menschen scheinbar nicht über das Leben als Schäfer, sollten sie aber unbedingt?
Die meisten denken, der Beruf ist romantisch und idyllisch, dass wir nur bei den Schafen stehen und uns an dem schönen Anblick erfreuen. Aber wie viel Arbeit dahinter steckt, bei Wind und Wetter, das wissen manche nicht. Auch, wie viel Bürokratie der Beruf mittlerweile mit sich bringt.
Aktuell bekommen ihre Schafe Lämmer?
Ja und das bedeutet, ich bin Tag und Nacht im Stall. Ich schlafe in Etappen, in Summe vielleicht vier Stunden am Tag. Das ist brutal anstrengend, aber auch einfach schön. Ich sehe jeden Tag, wie gesunde Lämmer zur Welt kommen. Wenn es die Zeit erlaubt, stehe ich mal zehn Minuten nur da und schaue ihnen beim herumrennen zu. Das beruhigt ungemein.
Was begeistert Sie an Ihrem Beruf?
Draußen zu sein, bei meinen Schafen, an der frischen Luft, in der Natur – da komme ich zur Ruhe. Man sieht jeden Tag etwas anderes, hat ein anderes Problem zu lösen. Wenn ich abends einen Plan mache, kann ich ihn morgens wieder über den Haufen werfen. Mir gefällt das Überraschende.



